J + K Blickpunkt Januar 2008



01.01.2008

Alles Klima? Eine erstaunliche Medienkarriere.

Wann haben wir eigentlich das letzte Mal über etwas anderes gesprochen als über den Klimawandel? Vor einem Jahr? Die Vogelgrippe, Atomtests in Nordkorea, das Todesurteil gegen Saddam Hussein – durchaus respektable Medienthemen 2006. Und heute? Hat irgendwie alles, worüber Politik, Wirtschaft und Medien sprechen, mit dem Klima zu tun. Selbst der Bahnstreik wird unter Klimaschutzaspekten bewertet. Ein Erklärungsversuch.

 

Unausweichlich: Chronologie eines Medienstars

 

Der Klimaschutz ist kein langsam aufgebauter Medienstar. Kometenhaft sein Aufstieg bereits im Oktober 2006: Nicolas Stern prognostiziert dem globalen Bruttoinlandsprodukt Verluste von fünf bis zwanzig Prozent, wenn nichts gegen den Klimawandel unternommen wird. Die mediale Aufmerksamkeit der Aufschwunggesellschaft ist dem britischen Ökonom gewiss. Nahezu gleichzeitig tritt Al Gore mit der „unbequemen Wahrheit“ als Weltklimaschützer auf die Medienbühne. Ab November ist, angefacht durch die EU-Kommission und den Nationalen Allokationsplan II, mal wieder der Emissionshandel an der Reihe – ein Dauerbrenner. Es folgt ein Winter, der keiner sein wollte und der Weltklimabericht des International Panel on Climate Change (IPCC), eine perfekt inszenierte Veröffentlichung in vier Teilen.

 

EU-Ratspräsidentschaft und G8-Vorsitz läuten 2007 ein. Die Bundeskanzlerin macht den Klimaschutz zur „Chefsache“. Der Februar steht ganz im Zeichen des „Glamour-Klimaschutzes“: Gore erhält den Dokumentarfilm-Oscar und fordert eine Diskussion über die Klimapolitik der USA heraus. Im März ist dann wieder die Kanzlerin am Zug – und erreicht beim Treffen der EU-Staats- und -Regierungschefs eine Einigung zur Senkung der CO2-Emissionen. Im Sommer dann geht es Schlag auf Schlag: Kein Termin von politischer Bedeutung kommt ohne den Klimaschutz aus: G8-Gipfel, Energiegipfel, Kabinettsklausur. Karrierehöhepunkt im Herbst: Der Klimaschutz macht Nobelpreisträger.

Eine hohe Ereignisdichte für ein einziges Thema. Eine unüberschaubare Anzahl von Akteuren. Ist das die einzige Erklärung für das Medienphänomen Klimaschutz?

 

Thementreiber oder -getriebene? Die Akteure.

 

Selten gab es ein Thema mit so viel moralischer Einigkeit. Die Frage „Bist du für oder gegen den Klimaschutz?“ stellt sich nicht. Und so wird der Klimaschutz zu everybodys darling: Kaum ein Thema lässt sich so einfach und mannigfaltig für die eigenen Zwecke einsetzen, ohne es in seiner Komplexität vollständig erfassen zu müssen. Wer Lob für sein Parteiprogramm braucht, schreibt den Klimaschutz mit rein. Wer sich als verantwortungsvoller Unternehmer präsentieren will, gründet eine Klima-Initiative. Wer Kritik für die Subvention der Erneuerbaren erntet, betont ihre Rolle für das Klima. Eine positive Profilierung gewünscht? Nichts leichter als das: Klima macht’s möglich. Die ehemalige Bundesumweltministerin Merkel macht es mustergültig vor. Sie steht erfolgsverwöhnt im Mittelpunkt – der EU-Vertrag hätte das wahrscheinlich nicht zu erreichen gewusst.

 

Ein eindeutiges „Klima-Profil“ kommt jedoch selten ohne Gegner aus. Der Lieblingsprügelknabe der Stunde: Die Stromwirtschaft mit ihrem „Klimakiller“ Braunkohle. Doch sie kontert erwartungsgemäß schnell und bringt ein neues Thema in die Berichterstattung: das CO2-freie Kraftwerk. Technik, die begeistert.

 

Während hingegen die Vertreter der Kernenergie sich auf der Woge des Klimaschutzes zu neuen Ufern schwimmen sehen, erfahren die Umweltschutzverbände, wie schnell man im neuen „Klima-Spiel“ sein muss. Seit Jahren, nein Jahrzehnten, reden sie sich den Mund fusselig. Und dann? Plötzlich sind sie ihres Kernthemas beraubt. Im Chor der vielen Klimaschützer überhaupt noch aufzufallen – dafür braucht man eine laute Stimme. Oder einen Verstärker. Den finden Greenpeace, BUND und WWF in einem viel gescholtenen Partner: Ausgerechnet die Ökosteuer-feindliche Bild-Zeitung hilft Ihnen, mit den eigenen Themen wieder Gehör zu finden. Es erscheint eine grüne BILD. Dafür gibt’s sogar Lob von Gabriel. Aber auch über den muss man sich ab und zu sehr wundern: Erst will er unbedingt das Klima schützen und übernimmt die Patenschaft für Knut. In der Energiepolitik hingegen fehlen die klaren Aussagen, wie Klimaschutz und künftige Energieversorgung unter einen Hut zu bekommen sind. Widersprüche, wohin man blickt. Wer sie nicht aufdeckt, ist selber schuld.

 

Selbst- oder fremdbestimmt? Die Medien.

 

Man kann allerdings nicht behaupten, dass die Medien den Klimaschutz selbst auf die Agenda gesetzt hätten. Sicher, bei der Jagd nach der neuesten Studie, der überraschendsten Meinungsäußerung oder dem überzeugendsten Beweis, dass doch nicht CO2 für die Erderwärmung verantwortlich gemacht werden kann, war mal der eine, mal der andere schneller über der Ziellinie. Aber der Eindruck, den Medien sei keine andere Wahl geblieben, als bei dieser Themendichte kampflos zu kapitulieren, lässt sich nicht leugnen. Sie unterlagen der Quantität der Ereignisse ebenso wie ihrer Qualität:

 

Tragweite! Stern prognostiziert finanzielle Auswirkungen des Klimawandels, das IPCC meteorologische. Dass unsere Enkel und Urenkel vom heutigen Handeln beeinflusst werden würden – außer Diskussion.

 

Nähe! Plötzlich sind auch der milde Winter und die Zuwanderung längst ausgestorben geglaubter Tierarten ein untrügliches Zeichen für die bedrohliche Erderwärmung auch hierzulande.

 

Prominente! Hollywoodstars. Einflussreiche Unternehmer. Premierminister, Präsidenten und solche, die es werden wollten. Und die nationale Prominenz sowieso.

 

Konflikte! Klar ist, wir müssen was gegen den Klimawandel tun. Wie, sorgt für Zündstoff. Gabriel und Glos liegen wochenlang im Clinch, auch im transatlantischen Disput ist man sich nicht immer einig.

 

Überraschung! Ausgerechnet die konservative Bundeskanzlerin erhebt die Forderung nach Pro-Kopf-Emissionen und erhält den Stempel „Ökosozialistin“. Für China ist nicht mehr alleine das Wirtschaftswachstum die Maxime jedes Handelns. Und selbst der ewige Verweigerer George W. Bush ruft plötzlich einen eigenen Emissionsgipfel ein.

 

Überschüttet von Nachrichtenwerten blieb den Journalisten doch eigentlich gar nichts anderes übrig, als zu berichten.

 

Verantwortlich oder verantwortungsbewusst? Die Rezipienten.

 

Und was macht nun der Rezipient damit? Sein Interesse nimmt bislang nicht ab. Warum sollte es auch? Den Deutschen geht es gut. Die Zeiten von fünf Millionen Arbeitslosen scheinen überwunden. Der Export rollt. Der Aufschwung ist da. Unsere existenziellen Bedürfnisse nach Arbeit, Geld und ein bisschen Konsum scheinen befriedigt, nun ist die Zeit gekommen, sich auch mal um was anderes zu kümmern. Und was liegt da näher, als sich mit dem allumfassenden Klimaschutz zu befassen? Da können wir schließlich alle was tun – positiver Nebeneffekt: Energie sparen ermöglicht noch ein bisschen mehr Konsum. Nur kosten sollte er möglichst nichts, der Klimaschutz. Vielleicht zu Weihnachten, mal sehen. Wenn der erste Spendenaufruf kommt, spenden wir unter Umständen auch fürs Klima. Kommt darauf an, wie gut man es uns verkauft.

 

In Zukunft: Alles Klima? Ein Ausblick.

 

Die Medienkarriere des Klimas ist noch lange nicht beendet. Jedes neue Ereignis wird ihm neuen Aufschwung geben. Die offizielle Verleihung des Nobelpreises. Das Ringen um ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll auf Bali. Der Wahlkampf in Hessen, bei dem sich schon jetzt alle Parteien um den Titel „bester Klimaschützer“ streiten. Aber wenn’s dann doch ein kalter Winter wird, sprechen wir vielleicht auch mal einfach nur übers Wetter.

 

 

Zum Autor:

 

Heiko Kretschmer ist geschäftsführender Gesellschafter bei Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation GmbH.

 

Dieser Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe des PR Report.