J + K Blickpunkt Juli/August 2007



02.07.2007

Die soziale Dimension der Globalisierung als Herausforderung für Politik und Unternehmen. Frischer Wind in der CSR-Debatte – Deutschland bewegt sich

Der CSR-Bericht des EU-Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten (Howitt-Bericht) und der darauf folgende Entschluß des Europäischen Parlamentes (EP) vom 13. März 2007 haben frischen Wind in die Diskussion gebracht. Auch die Abschlusserklärung der G8-Gipfelerklärung soll die Grundsätze der sozialen Verantwortung von Unternehmen stärken und gute Unternehmensführung fördern. Das CSR-Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen.

 

Schemenhaft allerdings bleibt bislang die Ankündigung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), als „CSR-Ministerium“ der Bundesregierung die gut drei Millionen Unternehmen in Deutschland zu einem stärkeren Bekenntnis ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu bewegen. Ein entsprechendes Papier sei in Vorbereitung und solle demnächst in die Ressortabstimmung der Bundesregierung gehen, kündigte Staatssekretär Kajo Wasserhövel an. Darin werde auch festgelegt, wie sich die Bundesregierung eine stärkere Betonung der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen eigentlich vorstellt. Sowohl die Vorhaben des Ministeriums als auch die Aktivitäten auf EU-Ebene werden wohl zu einem lebhaften E-Mail-Verkehr zwischen den Chef-Lobbyisten der deutschen Unternehmen geführt haben. Vorsorglich warnte die Unternehmensinitiative econsense schon einmal vor jeglicher CSR-Standardisierung.

 

Der nachfolgende Beitrag beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit der gesellschaftlichen Dimension der Globalisierung und den sich daraus ergebenden Herausforderungen für Politik und Unternehmen aus deutscher Sicht.

 

Bedeutungszuwachs der CSR durch Globalisierung

 

Fakt ist: Die Erwartungen an deutsche und an alle international handelnden Unternehmen sind gewachsen und werden auch künftig weiter ansteigen. „Unternehmerische Verantwortung“ und „Good Governance“ werden zu den Kernherausforderungen global agierender Unter­nehmen zählen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die wachsende Macht und Kapitalkraft vor allem der großen und global agierenden Un­ter­nehm­en, die tendenziell abnehmende Gestaltungsmacht der Nationalstaaten, die sich weiter global positionierenden NGOs mit ihrer hohen Kampagenenfähigkeit und eine generelle Werteverschiebung in den Gesellschaften der wichtigsten Industrienationen, insbesondere der G8-Staaten, können beispielhaft angeführt werden.

 

Im Mittelpunkt dieser Entwicklung wird die Frage stehen, welchen Beitrag das einzelne Unternehmen leistet, um die so genannten „wicked issues“ (also hochkomplexe, multikausale und in der Regel grenzüberschreitende Probleme wie z.B. den Klimawandel) zu lösen. Die Ankündigungen von Citigroup (Klimaschutzinvestitionen in Höhe von 50 Milliarden Dollar bis ins Jahr 2017) und der HSBC Bank (5-Jahresplan für eine Klimapartnerschaft mit einem Etat von 100 Millionen Dollar sowie weitere 90 Millionen Dollar für das hauseigene globale Umwelt-Effizienzprogramm) zeigen, wie ernst diese globalen Herausforderungen inzwischen von den Unternehmen genommen werden. So will die Citigroup zum Beispiel mit ihrer Initiative vor den Schwierigkeiten warnen, die auf Unternehmen durch spätere Umweltgesetze zukommen könnten.

 

Pflicht vor Kür

 

Bei der gesellschaftlichen Bewertung der Kompetenz der Unternehmen für die Bewältigung dieser Herausforderungen sind grundlegende „Spielregeln“ zu beachten.

 

Die wichtigste – und in der CSR-Politik auch schwierigste Regel – lautet „Pflicht vor Kür“: Erst muss das unternehmerische Pflichtprogramm erledigt werden, bevor mit großem PR-Etat die gesellschaftlich gewünschten Kürbeiträge (CSR-Projekte) kommuniziert werden. Ein solches Pflichtprogramm ergibt sich aus den Erwartungen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen an das jeweilige Unternehmen oder die Branche. Die formulierten Anforderungen gehen dabei über das gesetzlich Vorgeschriebene hinaus. Denn es gilt: Je machtvoller ein Unternehmen ist, umso größer sind auch die Erwartungen an es. Bewertet werden die Haltung des Unternehmens im Markt, sowohl sein Umgang mit Macht, als auch mit (kritischen) Stakeholdern. Also: Werden Konflikte durch Kooperation oder Abwehr, durch Dialog oder Konfrontation gelöst?

 

Nur wenn die gesellschaftlichen Pflichtaufgaben – das gesellschaftlich Erwartete – vom Unternehmen erfüllt sind, können die kommunikativ wertvollen CSR-Kürprojekte – das gesellschaftlich Gewünschte – glaubwürdig vermittelt werden.

 

Die globale Dimension der Pflicht: Good Governance

 

Viele dieser gesellschaftlichen Erwartungen werden vor allem in global agierenden Unternehmen unter dem Begriff „Good Governance“ gemanaged. Mit solchen „guten Prinzipien der Unternehmensführung“ werden daher Transparenz, Verantwortlichkeit, Dialog, Partizipation oder Gerechtigkeit verbunden. Mit der aktuell veröffentlichten Studie Corporate Governance und Sustainability hat die Nichtregierungsorganisation Germanwatch zudem die Diskussionen an der Schnittmenge von Good Corporate Governance und Nachhaltigkeitsmanagement dokumentiert. Sie gibt Entscheidungsträgern Handlungsempfehlungen und Prüflisten zur Steigerung des nachhaltigen Unternehmenswertes.

 

Während es an Verhaltenskodizes oder individuellen ethischen Festlegungen von Unternehmensmanagern oft nicht mangelt, begrenzt vor allem der internationale Konkurrenzdruck die Spielräume vieler Unternehmen, die verantwortungsvoll agieren wollen. Im zumeist aggressiven globalen Kampf um Margen und Kunden und aufgrund angriffslustiger internationaler Hedge-Fonds, die verantwortungsvolle Standards einer kurzfristigen Gewinnmaximierung unterordnen, schrumpfen die tatsächlichen Spielräume schnell auf ein Minimum. Aus diesem Grund bewirken politische Appelle an unternehmerisches Verantwortungsbewusstsein wenig. Notwendig sind Rahmenbedingungen, die es Unternehmen in der globalen Realität erlauben, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Dennoch müssen sowohl Politik als auch Unternehmen ihre Gestaltungsspielräume besser als bisher nutzen.

 

Die konsequentere Anwendung der bestehenden Leitsätze für multinationale Unternehmen der OECD und international wirkende Good Governance-Mechanismen auf Branchenebene sind die wirksamsten Antworten auf die beschriebenen Herausforderungen.

 

Der anfangs erwähnte Entschluß des Europäischen Parlaments, die Gipfelerklärung der G8-Staaten von Heiligendamm und erste Signale aus dem Arbeitsministerium deuten an, dass die OECD-Leitsätze in ihrer konkreten Anwendung gestärkt werden sollen. Die vom Europaparlament vorgeschlagene Förderung vor allem der Beschwerdemöglichkeiten (Stichwort: Nationale Kontaktstellen) und eine Ausweitung des Anwendungsbereichs (Stichwort: Investitionsbegriff bzw. „investment nexus“) sind dabei wichtige Signale, die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales als CSR-Ministerium und vom Bundeswirtschaftsministerium als verantwortliches Ministerium für die OECD-Leitsätze aufgegriffen werden sollten. Die G8-Gipfelerklärung kann so mit Leben gefüllt werden.

 

Flankierend müssen Good Governance-Mechanismen auf allen Ebenen der Politik und der Wirtschaft weiterentwickelt werden. Auch hier sollte die G8-Gipfelerklärung entsprechend konkretisiert werden. Effektiv sind diese Mechanismen insbesondere dann, wenn sie in einem freiwilligen Zusammenwirken von demokratisch legitimierten politischen Institutionen, dem Privatsektor und NGOs entwickelt werden.

 

Die Bundesregierung als Impulsgeber von Good Governance

 

Für die Bundesregierung bieten sich hier hervorragende Ansatzpunkte, das Deutschlandbild im Ausland positiv zu gestalten. Gemeinsam mit dem Auswärtige Amt könnte das Arbeitsministerium z.B. auf unterschied­lichen Politikebenen (regionale Zusammenschlüsse, EU, G8, internationale Institutionen) Good Governance-Strukturen fördern, die Diskussion darüber antreiben und einen Beitrag dazu leisten, die notwendigen Akteu­re etwa in den Außenhandelskammern (AHKs) und bei den Unternehmen entsprech­end auszubilden.

 

Es sollten sektorale bzw. branchenspezifische Koali­tionen gebildet werden, die sich einem gemeinsamen Ziel der Good Governance verschreiben. Kernpunkte solcher Strukturen wären z.B. Transparenz, Korruptionsbekämpfung, Umweltmindeststandards, soziale und Arbeitssicherheit, Verhinderung von Kinderarbeit sowie die Vereinigungs- und Tariffreiheit. Ein Vorbild für solche globalen Branchenkoalitionen ist die im Ok­tober 2006 gegründete Extractive Industry Transparency Initiative (EITI), in der sich inzwischen 24 Staaten mit großen Unternehmen der Grundstoffindustrie und mit NGOs dazu verpflichtet haben, gemeinsam vereinbarte Regeln einzuhalten und zu überwachen. Ähnlich arbeitet die Logistics & Transportation Sustainability Initiative. Sie hat global wirkende „Principles of Corporate Citizenship“ entworfen, die ebenfalls Mindeststandards festschreiben. Acht Unternehmen der globalen Logistik- und Transportindustrie mit einem jährlichen Umsatz von zusammen über 150 Milliarden US-Dollar haben diese Prinzipien bereits unterschrieben, darunter auch die deutsche DHL.

 

Das Arbeitsministerium und das Auswärtige Amt mit seinem weltweiten Netz von Außenhandelskammern (AHK) könnten sich mit solchen Aktivitäten als Impulsgeber und Motor einer Entwicklung global wirkender Netzwerke von „Good Global Governance“ positionieren und wieder den Anschluss an die internationale Diskussion über Unternehmensverantwortung gewinnen.

 

Das spezifisch deutsche CSR-Profil fördern

 

Auch die Entwicklung eines spezifisch deutschen CSR-Profils ist dabei entscheidend.

 

Doch was sind die Stärken und Schwächen der deutschen CSR? Eine Analyse deutscher CSR-Berichte zeigt Nachholbedarf bei den „neuen“ Themen Tax Compliance, Antikorruptionsmaß­nah­men, transnationales Lieferketten-Management und Stakeholder-Dialog. Hier müssen vor allem die Unternehmen aufholen. Stark schneidet das deutsche Reporting hingegen bei den traditionellen Themen Produktsicherheit, betriebliches Sozialzulagewesen und Umweltstandards ab. Auf einer grundsätzlicheren Ebene ist das Bild deutscher Unternehmer im Ausland bei den Issues Ökologie und Nachhaltigkeit (insb. erneuerbare Energien, innovative Produktinnovationen) und bei sozialen und gesellschaftlichen Themen positiv besetzt ist. Dies ist unter anderem aufgrund der hohen deutschen Regulierungsdichte in diesem Bereich der Fall.

 

Die Initiierung einer weltweit einheitlichen deutschen CSR-Initiative könnte an den spezifisch deutschen Stärken ansetzen. Vorstellbar wäre eine Initiative von Politik und Unternehmen unter einem umweltpolitischen Label. Die Fokussierung eines konkreten Handlungsfeldes bzw. Leitthemas deutscher CSR kann das deutsche CSR-Bild im Ausland schärfen. Hierzu müssten das Arbeitsministerium, das Auswärtige Amt und die beteiligten Unternehmen in der internationalen CSR-Debatte ein gesellschaftspolitisch relevantes Issue von besonderer Bedeutung im globalen Kontext identifizieren. So hat Axel Hesse in seiner Dissertation „Big Six – Die sechs wichtigsten, globalen Herausforderungen für Sustainable Development im 21. Jahrhundert“ (2006) die Themen Klimawandel, Süßwasserknappheit und –verschmutzung, Entwaldung und Desertifikation, Armut, Biodiversitätsverlust sowie Bevölkerungswachstum und Migration als die sechs wesentlichen Herausforderungen herausgestellt.

 

Die Bundesregierung und deutsche Unternehmen könnten sich öffentlich dazu verpflichten, sich einer dieser internationalen Probleme besonders zu widmen und konkrete Lösungen zu erarbeiten. Ein solches Commitment würde die Ressourcen und das Know-how deutscher Unternehmen und der Bundesregierung bündeln und das deutsche CSR-Engagement kommunikativ noch einmal herausheben. Dabei müssten die besonderen deutschen Kompetenzen der Unternehmer im Mittelpunkt stehen. Stark ist eine solche Initiative dann, wenn sie die bestehenden CSR-Aktivitäten der deutschen Unternehmen nicht einengt, sondern unterstützt.

 

Potenzielle Handlungsfelder des neuen CSR-Ministeriums

 

Am 15. Juni 2006 gab die Bundesregierung bekannt, dass das BMAS die Zuständigkeit für den Bereich Corporate Social Responsibility übernommen habe. Mit dem G8-Gipfeltreffen und der bisher allerdings schwammigen Ankündigung des Arbeitsministeriums, die Unternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen, wird sich jetzt offenbar dem Thema gewidmet. Die Herausforderungen, vor allem aber auch die Chancen, sind groß.

 

 

Sven Griemert ist Seniorberater im Bereich CSR bei Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation.