• Presseveröffentlichungen

Nachhaltigkeit und Digitalisierung: undenkbar unzertrennlich?

Vera Weidmann über Nachhaltigkeit in der Digitalisierung

Nachhaltigkeit und Digitalisierung: undenkbar unzertrennlich?

Digitale Technologien werden als die große Zukunftschance gesehen – nicht zuletzt, um nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. Dabei wird aktuell noch allzu häufig ignoriert, dass die Digitalisierung in ihrer aktuellen Geschwindigkeit auch eine unglaubliche Umweltbelastung bedeutet. Wie kann dieses Dilemma zwischen Innovationsdruck und Klimawandel gelöst werden?

Der hohe Energiebedarf von Digitalen Technologien, allen voran Cloudanwendungen und Künstliche Intelligenz, treibt den CO2-Austoß signifikant in die Höhe. Sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext ist es mittlerweile unvorstellbar auf sein Smartphone oder die Annehmlichkeiten der Onlinerecherche zu verzichten, andererseits werden auch die generelle Nachfrage nach nachhaltigen Produkten immer größer. Im vergangenen Jahr machte der Protest von Amazons Mitarbeitern gegen die unzureichende Klimapolitik ihres Konzerns immer wieder Schlagzeilen, worauf Amazon sich nicht anders zu helfen wusste als mit einem harten Kommunikationsverbot zu reagieren.

Unternehmen und Regierungen befinden sich zunehmend in einem komplexen Spannungsfeld zwischen dem Innovationsdruck der Digitalisierung und der Herkulesaufgabe, die Energiewende voranzutreiben. Dabei stehen sie den Ansprüchen der Bürgerinnen und Bürger entgegen: von allem mehr, bitte, dabei aber auch sozial und wirtschaftlich verträglich bleiben.

Dass Digitalisierung nachhaltig gedacht werden muss, hat auch die Europäische Kommission mit ihrem äußerst ambitionierten Green Deal erkannt. Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden – und dabei legt die Kommission ein besonderes Augenmerk auf die Chancen und Risiken von digitalen Technologien. Auch das Umweltministerium veröffentlichte diese Woche – zur Überraschung aller – eine umfassende umweltpolitische Digitalagenda. Denn die Diversität und Omnipräsenz digitaler Technologien heißt auch, dass immer mehr materielle Ressourcen durch Energie ersetzt werden.

Im Fokus der Europäischen Kommission und des Umweltministeriums: Stromfresser Rechenzentren

Für den Endverbraucher zunächst nicht so deutlich sichtbar, treibt der digitale Genuss die Verbreitung und Auslastung von Rechenzentren immens in die Höhe. Beinahe 13,2 Milliarden Kilowattstunden Strom wurden im Jahr 2017 allein in den rund 53.000 Rechenzentren Deutschlands verbraucht – das Land Berlin nutzte mit seinen 3,712 Millionen Einwohnern im selben Jahr 13,5 Milliarden Kilowattstunden. Die Kommission schätzt, dass der Informations- und Kommunikationssektor für 5 und 9% des weltweiten Stromverbrauchs und für mehr als 2% aller Emissionen verantwortlich ist. Die Kommission fordert deshalb, dass Rechenzentren und Telekommunikation bis 2030 mehr erneuerbare Energiequellen nutzen und kohlenstoffneutral sein müssen. Auch wenn diese Forderung noch wenig konkret ist, steht doch fest, dass erneuerbare Energien fortan eine noch wesentlichere Rolle im Kontext digitaler Wirtschaft einnehmen müssen. Selbige Forderung findet sich nun auch in der Digitalagenda des deutschen Umweltministeriums: Dateninfrastruktur und digitale elektronische Geräte sollen umfassend zu ihrer Energieeffizienz gemonitort werden, um verbindlich Mindestanforderungen an Energieeffizienz einzuführen. Schließlich kann in Deutschland seit Kurzem das Einhalten hoher Standards in Rechenzentren und mit energieschonender Software mit dem altbekannten Blauen Engel ausgewiesen werden. Seit Januar gibt es die entsprechenden Vergabekriterien des Blauen Engels für nachhaltiges Softwaredesign.

Klimaschutz: ohne digitale Technologien geht es nicht

Digitale Technologien sind natürlich nicht nur im Dienste der Medien- und Unterhaltungsbranche – ohne sie wird es nicht möglich sein, effektiven Klimaschutz zu realisieren: Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz werden beispielsweise Klimafolgen simuliert und Gegenmaßnahmen realisiert; Endverbrauchern und Unternehmen sollen Smart-Home-Geräte helfen, den Energieverbrauch zu senken – seit Kurzem wird flächendeckend ab einem Verbrauch von 6.000 kWh/Jahr umgerüstet. Als Teil der europäischen Green-Deal-Initiative sieht die Kommission außerdem eine GreenData4All-Initiative und ein "Planet Earth-Projekt" vor, um bis 2021 einen "digitalen Zwilling" der Erde zu erstellen. Mit diesem digitalen Zwilling sollen neue Technologien noch besser getestet werden oder etwa Folgen der Klimaerwärmung abgeschätzt werden können.

Doch gerade datenintensive Anwendungen wie KI, über Drahtlosnetzwerke betriebene SmartHome-Systeme oder das sehnsüchtig angestrebte flächendeckende 5G-Mobilnetz verbrauchen wiederum viel Energie. Bislang gibt es laut Nachhaltigkeitsforscher Prof. Dr. Tilman Santarius keine belastbaren Studien zu den ökologischen Folgen der Digitalisierung. Meist werden im Kontext der Nachhaltigkeit nur Einsparpotentiale erhoben, nicht aber der zusätzliche Energieaufwand der dafür notwendigen digitalen Technologie.

Wie durchsetzungsfähig Bundesministerin Schulze gegenüber anderen Ressorts mit ihrer Digitalagenda ist, wird abzuwarten sein. Spätestens jedoch die Regulierungspläne der Europäischen Kommission werden die Digitalwirtschaft massiv tangieren. Es empfiehlt sich deshalb für Unternehmen, die auf große digitale Ressourcen zurückgreifen müssen, frühzeitig eine nachhaltige Energie- und Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln. Denn nur Unternehmen, die beide Trends im Blick haben, werden zukünftig erfolgreich sein.

Zurück