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Drei Tage re:publica, fünf Beobachtungen, die in den meisten Berichten fehlen werden
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Drei Tage re:publica, fünf Beobachtungen, die in den meisten Berichten fehlen werden

29. Mai 2026

Sebastian Kostadinov und Timo Mohr waren drei Tage auf der re:publica 2026 in der STATION Berlin. Über achtzig Sessions standen auf ihrer Liste, vom Plenum mit Karen Hao bis zum Hintergrundgespräch im Maker Space. Wir haben sie gefragt, was sie aus der Konferenz mitnehmen, das sie noch nicht in zwanzig anderen Berichten gelesen haben.

JK: Vor zwei Jahren war „digitale Souveränität” ein Schlagwort. Diesen Mai war sie auf jedem zweiten Panel. Hat sich auch substanziell etwas verändert?

Timo Mohr: Ja, und zwar an einer eher unscheinbaren Stelle. Auf der Hauptbühne sprachen Karsten Wildberger und Markus Beckedahl. Spannender war dort ein einzelner Satz des Ministers: „Souveränität und Sicherheit machen inzwischen siebzig Prozent der Bewertung bei öffentlichen Beschaffungen aus.“ Längst hat sich der Begriff aus der politischen Debatte gelöst und ist in die Vergaberichtlinien gewandert. Wer ihn weiter als Diskursangelegenheit behandelt, übersieht, dass er gerade zum Wirtschaftsfaktor wird.

Sebastian Kostadinov: Den Befund würde ich sogar verschärfen. Wir haben drei Tage Sprecherinnen und Sprecher erlebt, die untereinander mehr verbindet als trennt. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft: Alle bewegen sich inzwischen in einem gemeinsamen Argumentationsraum. Es geht nicht mehr darum, ob Souveränität ein Ziel ist. Es geht darum, was das operativ heißt, was es kostet und wer es bezahlt. Diese Verschiebung ist die eigentliche Nachricht der Konferenz.

JK: Auf der Konferenz fielen viele scharfe Sätze gegen amerikanische Anbieter. Bedeutet das für Unternehmen „Bye-bye Big Tech”?

Timo Mohr: Nein, und an dieser Stelle muss man sauber zwischen Konferenzbühne und Beratungsrealität trennen. Souveränität heißt nicht, alles selbst zu bauen. Sie heißt Wahlfreiheit, Wechselbarkeit und Kontrolle über die eigenen Daten. Staatssekretär Jarzombek nannte das im Panel „Blended Sovereignty”. Die Konsensformel der ernsthaften Diskussion lautet: hybride Architekturen mit klarer Kritikalitätslogik.

Sebastian Kostadinov: Man sollte hier auch konstruktiv und präzise bleiben. Es hilft nicht, pauschal gegen einzelne Anbietergruppen zu argumentieren. Viele internationale Plattform-, Cloud- und KI-Anbieter leisten einen erheblichen Beitrag zu Innovation, Skalierung und Produktivität. Gleichzeitig müssen Politik und Wirtschaft nüchtern analysieren, wo kritische Abhängigkeiten entstehen: bei Datenzugriffen, Lieferketten, Wechselkosten, Sicherheitsanforderungen oder regulatorischer Kontrolle.

JK: Wo war die größte blinde Stelle der Konferenz?

Timo Mohr: Auf der Konferenz war „Souveränität” fast durchgängig eine Frage der Plattform- und Anwendungsschicht. Über die darunterliegenden Schichten wurde weniger gesprochen. Chips, Netze, digitale Identitäten, Vertrauensanker. Hier liegen aber die strategischen Hebel. Die Bundesdruckerei zeigte mit C2PA-Content-Credentials eindrucksvoll, wie eine deutsche Vertrauensinfrastruktur aussehen kann. Q.ANT stellte photonische Prozessoren als europäische Schlüsseltechnologie vor. Beide Beiträge waren Nischenpanels, gehören aber in das Zentrum der Debatte.

JK: Was hat euch überrascht?

Sebastian Kostadinov: Wie gelassen Renate Nikolay, stellvertretende Generaldirektorin der DG CONNECT, auf den Vorwurf der schwachen Durchsetzung reagierte. Sie verwies auf laufende Verfahren, mehrere hundert Mitarbeitende in der Durchsetzung, klare Schwerpunkte bei Minderjährigenschutz und Wahlintegrität. Gleichzeitig räumte sie ein, dass Vereinfachung nötig ist, ohne dabei in Deregulierung umzuschwenken. Das war kein Defensivauftritt, sondern eine selbstbewusste Verteidigung des europäischen Modells. Für die anstehende Omnibus-Debatte ist das ein wichtiges Signal.

JK: Was heißt das für Johannsen + Kretschmer?

Timo: Für uns bestätigt die re:publica, dass strategische Kommunikation in der Digitalpolitik immer stärker zur Übersetzungsleistung wird. Wir bewegen uns zwischen Regulierung, Technologie, öffentlicher Debatte und wirtschaftlichen Interessen. Genau dort entsteht Beratungsbedarf: bei der Einordnung, Positionierung und Vermittlung komplexer digitalpolitischer Themen.

Sebastian: Und sie bestätigt, dass Sichtbarkeit nicht durch reine Präsenz entsteht. Sichtbarkeit entsteht durch Relevanz. Wer in digitalpolitischen Debatten gehört werden will, muss zeigen, dass er Zielkonflikte versteht, unterschiedliche Akteure ernst nimmt und Orientierung geben kann. Die re:publica war dafür ein guter Seismograf – und ein guter Anlass, unsere eigene Perspektive weiter zu schärfen.